Marlen Haushofer zum 100. Geburtstag

Ihr bekanntestes Werk ist der Roman „Die Wand“: Es geht um eine (namenlose) Frau, die eines Morgens in einer Jagdhütte erwacht und bei der Suche nach ihren Freunden merkt, dass ein größeres Gebiet rund um die Hütte von einer unsichtbaren, undurchdringlichen Wand umgeben ist, und dass sie von nun an komplett auf sich selbst gestellt ist. Eine Metapher für ihr eigenes Empfinden des inneren Getrennt-Seins von anderen Menschen?

Marlen Haushofer wurde am 11. April 1920 um 4.00 in Frauenstein/Oberösterreich als Tochter des Forstmeisters Heinrich Frauendorfer und seiner Frau Maria geboren, sie wuchs im Forsthaus im Effertsbachtal auf und genoss ein relativ freies Leben in der Natur. Zu ihrem Vater, der ein grosszügiger, weltoffener Mann gewesen zu sein scheint, hatte sie ein innigeres Verhältnis als zu ihrer Mutter, einer strenggläubigen ehemaligen gräflichen Kammerzofe.

Im Geburtshoroskop werden die Eltern u.a. durch die MC-IC-Achse symbolisiert. Der Vater ist somit Herr des 10., die Mutter Herrin des 4. Hauses. Heinrich Frauendorfer wäre also durch Jupiter verkörpert, der in Löwe im 6. Haus steht und eine applikative Konjunktion zu Neptun und zum Deszendenten bildet. Er war als Förster ein angesehener und beliebter Mann (Jupiter in Löwe), der seine kleine Tochter gerne auf ausgedehnte Touren durch seinen Wald mitnahm und ihr viele Geschichten erzählte.

Merkur, der Herr des 4. Hauses (Zwillinge), steht im mystisch-religiösen Fische-Zeichen, das allerdings sein Exil ist und der Mutter einen im 1. Haus zwar wichtigen, von der Zeichenqualität jedoch geschwächten Platz zuweist. Auch Sonne und Mond repräsentieren Vater und Mutter, und auch hier hat die Mutter die schlechteren „Karten“: Der Mond steht in Steinbock ebenfalls im Exil und weist im 12. Haus auf eine Mutter hin, die für die Tochter emotional distanziert und nicht greifbar war. Die Sonne (Vater) hingegen ist in Widder erhöht und steht für einen starken, selbständigen, aktiven, dynamischen Mann, der allerdings auch cholerisch reagieren konnte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging.

Marlens Mutter hatte den Ehrgeiz, eine perfekte Hausfrau zu sein, ein Talent, das sie ihrer Tochter nicht vererbt hatte. Marlen war ein hochintelligentes Mädchen, das neben der Natur, in der sie ihre Freiheit genoss, auch Bücher über alles liebte. Statt zur Hausarbeit herangezogen zu werden, durfte sie aus Vaters Bibliothek deutsche und österreichische Klassiker (Goethe, Schiller, Grillparzer, Stifter) lesen.

Mit 10 Jahren kam Marlen ins Internat zu den Ursulinen nach Linz, die dort ein renommiertes Mädchengymnasium betrieben. Die Umstellung vom freien Leben im Wald zu einem streng reglementierten Klosterdasein war für das Mädchen schwer zu verkraften. Welcher Mensch mit Wassermann-Aszendent unterwirft sich schon gerne strengen Regeln, die die persönliche Freiheit derart einschränken? Ein eigenwilliges, unabhängiges, kreatives Mädchen wie Marlen Frauendorfer sicher nicht. In mehreren Büchern hat sie ihre Kindheit und Jugend in leicht verfremdeter Form geschildert und lässt die Leserinnen und Leser wissen, wie heimatlos und fremd sie sich im Internat gefühlt hat. Es scheint, dass diese scheinbar objektive Perspektive, aus der sie ihr Leben betrachtet hat – ob sie ihr Alter Ego nun Marili genannt hat oder Meta oder Elisabeth -, ihr doch ein Gefühl für ihre eigene Identität gegeben hat.

Später hat sie gestanden: „Ich schreibe nie etwas anderes, als über eigene Erfahrungen. Alle Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten…“ (Zitat Marlen Haushofer, Die Furche, 13.4.1968).

Im Horoskop können wir die eigene Befindlichkeit und die ständige Beschäftigung mit sich selbst an einem stark besetzten 1. Quadranten erkennen. In Marlens Radix befinden sich die persönlichen Planeten Merkur, Venus und Sonne im 1. Quadranten, dazu der Geburtsherrscher Uranus, der im 1. Haus auf einen eigenwilligen und unruhigen Charakterzug verweist. Allerdings steht er, so wie auch Merkur und Venus, im Fische-Zeichen, das zur Gänze auch noch im 1. Haus eingeschlossen ist und die rebellische Wassermann-Ader etwas dämpft. So ist es kein Wunder, dass Marlen Haushofer von Zeitgenossen als eine sehr widersprüchliche Persönlichkeit geschildert wird. Da war einerseits die freiheitsliebende, oft distanziert wirkende, sich nicht in den Mittelpunkt drängende Frau, die andererseits aber auch eine sensible, einfühlsame, kreative, phantasievolle Seite hatte. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit (Wassermann) war gross, aber auch die Neigung zur Bequemlichkeit, Trägheit und Chaos (Fische). Über den Mann hofft sie, Sicherheit zu erlangen (Sonne in 2), es besteht aber auch die Tendenz zur Selbstaufgabe, wenn sie sich ihm ausliefert.

Emotional ist sie schwer zugänglich (Mond in Steinbock im 12. Haus). Gefühle zu zeigen und sich auf andere einzulassen, fällt ihr schwer. Sie ist schüchtern, bescheiden und unsicher in der eigenen Wertschätzung. Mit 20 verliebt sie sich in einen deutschen Medizinstudenten, den sie bei ihrem Einsatz beim Reichsarbeitsdienst kennengelernt hat, und der ihretwegen zum Studium nach Wien übersiedelt. Mit ihrer Widder-Sonne gibt sie ja Männern das Gefühl, dass sie stark und männlich sind, was deren Eroberungsdrang aktiviert. Als der Verlobte ihr „Vertrauen missbraucht“ und sie schwängert, trennt sie sich von ihm. Der Familie gegenüber hält sie die als Schande empfundene Schwangerschaft geheim, was relativ leicht gelingt, da sie in Wien Germanistik studiert und räumlich von den Eltern getrennt ist. Nur einigen guten Freundinnen vertraut sie sich an, die ihr hilfreich zur Seite stehen. Zu ihrem Glück lernt sie im Winter 1940 einen anderen Medizinstudenten kennen: Manfred Haushofer stammt aus Graz, ist gutaussehend und vertrauenerweckend, sie verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Die schicksalhafte Begegnung sehen wir in der Direktion: der progressive Aszendent bildet ein Sextil zum Radix-Mond und ein Trigon zum aufsteigenden Mondknoten, die progressive Sonne steht im Quadrat zum Radix-Aszendenten. Man könnte sich natürlich fragen, inwieweit die (unbewusste) Absicht, einen Vater für das ungeborene Kind zu finden, die Liebe beeinflusst hat.

Dass machtvolle Energien im Spiel gewesen sein müssen, erkennen wir an den Transiten: Transit-Pluto bildet ein Trigon zum Radix-MC und verändert den weiteren Lebensweg grundlegend, Transit-Jupiter ein Sextil zum Geburtsherrn Uranus, was auf glückliche zukunftsbestimmende Veränderungen hinweist, die etwaige Lebensprobleme auf überraschende Weise lösen können, und Transit-Neptun steht in Opposition zur Radix-Venus, was ein schöner Verliebtheitsaspekt ist.

Ein knappes Jahr später – der Sohn Christian ist 1941 in Bayern geboren und wächst bei der Mutter einer Freundin heran – heiraten Marlen und Manfred Haushofer, der danach wieder als Feldwebel eingezogen wird. Im April 1943 bringt Marlen Haushofer einen 2.Sohn, Manfred, zur Welt, diesmal einen ehelichen. Christian wird erst nach Kriegsende nach Österreich geholt und zu seinen Grosseltern ins Forsthaus gebracht, wo er aufgrund seiner zweifelhaften Herkunft nicht gerade geliebt wird. Erst 1947 holen die Haushofers den inzwischen 6-jährigen Christian zu sich nach Steyr, wo sie nun leben, und geben ihm den Namen Haushofer, um die uneheliche Geburt zu vertuschen.

Marlen Haushofer hat sich als Mutter also nicht besonders hervorgetan: Der Steinbock-Mond in 12 im Zusammenhang mit dem Wassermann-Aszendent prädestiniert sie nicht gerade für die Mutterrolle. Aber auch als Ehefrau ging sie mit ihren Gefühlen zurückhaltend um. Anders als in den Anfangsjahren während des Krieges war Marlen in ihrer Ehe nicht glücklich, sondern empfand diese vielmehr als Verpflichtung (Saturn im 7. Haus). Sie hielt aber aus, da ihr materielle Sicherheit sehr wichtig war (Sonne in 2), und sie vor dem Hintergrund des Lebens einer angesehenen Arztgattin (ihr Mann hatte sich in Steyr als Zahnarzt etabliert und zählte dort zur besseren Gesellschaft) ihren schriftstellerischen Ambitionen nachgehen konnte. Mit der Sonne als Herr von 7 in 2 neigte sie ja besonders dazu, sich Selbstwertgefühl und persönliche Sicherheit über den Mann zu holen. Obwohl sie sich von ihrem Mann 1950 scheiden ließ, lebte sie weiter mit ihm zusammen und heiratete ihn 1958 neuerlich.

Und das Schreiben war ihr sehr wichtig. Mit dem Fische-Merkur im 1. Haus macht sie sich ja unaufhörlich Gedanken, die sie künstlerisch umsetzt. Wenn sie sich durch das Schreiben nicht kreativ ausdrücken könnte (Merkur in Fische), würde sie vermutlich in Depressionen fallen (Mond in Steinbock). Ihre eigenen Gefühle hält sie aus Angst vor dem Verletztwerden unter Kontrolle, aber in ihren Romanen und Erzählungen analysiert sie diese Gefühle mit einem kühlen, messerscharfen Durchblick. Ab 1946 publizierte Marlen Haushofer kleinere Erzählungen in Zeitungen und Zeitschriften wie Lynkeus oder Neue Wege. Mit dem zunehmenden Erfolg ihrer Werke nahm sie sich in Wien eine Wohnung und beginnt eine Affäre mit dem verheirateten deutschen Schriftsteller Reinhard Federmann. Doch auch mit ihm wird sie nicht glücklich. Ihre Freundinnen und Freunde meinten, dass Marlen Haushofer eine Beziehung nicht wirklich gebraucht hätte (starker 1. Quadrant) und dass sie auch nicht „zu leidenschaftlicher Liebe geeignet wäre“ (Oskar Jan Tauschinski). Der Hingabefähigkeit, Zärtlichkeit, Romantik und Sinnlichkeit einer Fische-Venus stand wohl der zurückhaltende, seelisch gehemmte Steinbock-Mond entgegen, der der emotionalen Ebene Begrenzungen auferlegt.

Seit ihrer Jugend war Marlen Haushofer gesundheitlich angeschlagen. Mit 12 Jahren bekam sie TBC und musste für ein Jahr aus der Schule genommen werden, und noch bevor sie 20 war, entwickelte sie eine (nicht nachgewiesene) Depression. Die Krankheitsanfälligkeit zog sich durch ihr ganzes Leben, und mit Ende 40 erkrankte sie an Knochenkrebs, an dem sie schliesslich am 21. März 1970, drei Wochen vor ihrem 50. Geburtstag, starb. Das progressive MC macht ein exaktes Quadrat zur Radix-Sonne und zeigt die Vollendung des Lebens an. Das Anderthalbquadrat des progressiven MC auf Saturn (Herr von 12) weist auf den Knochenkrebs hin. Transit-Uranus in exakter Opposition zum Radix-Chiron setzt dem Leiden ein plötzliches Ende. Überlebt haben ihre literarischen Werke, die es wert sind, einem breiteren Publikum bekannt zu werden.