Victoria – geboren vor 200 Jahren

Sie wird die Grossmutter Europas genannt, denn ihre 9 Kinder verheirateten sich quer durch Europas Herrscherhäuser. Ihre älteste Tochter Vicky war die Frau des deutschen Kronprinzen Friedrich, der 1888 für wenige Monate Kaiser wurde, ehe er seinem Krebsleiden erlag. Der gemeinsame Sohn Wilhelm (später Kaiser Wilhelm II.) war somit Victorias Enkelsohn. Victorias ältester Sohn ehelichte Prinzessin Alexandra von Dänemark, Sohn Alfred die russische Großfürstin Marija Alexandrowna Romanowa, und die meisten anderen Kinder waren mit deutschen Fürstenhäusern verbunden. Was einen dauerhaften Frieden in Europa sichern sollte, zerbrach im 1. Weltkrieg, als sich nahe Verwandte als erbitterte Feinde gegenüber standen.

Alexandrina Victoria, so die ursprünglichen Taufnamen der späteren Königin, wurde am 24. Mai 1819 um 4.15 LMT im Kensington Palace in London geboren. Ihr Vater Herzog Edward von Kent war der 4. Sohn von König George III. aus dem Haus Hannover, der aufgrund seines geistigen Zustands regierungsunfähig war. An seiner Stelle führte sein ältester Sohn George als Prinzregent die Regierungsgeschäfte; dessen Tochter Charlotte war als Thronerbin vorgesehen, starb jedoch im Kindbett. Daher war die Thronfolge nach George IV. völlig ungeklärt, denn seine Brüder waren entweder gar nicht oder nicht standesgemäß verheiratet. Nach Charlottes Tod brach allerdings unter den Herzögen von Clarence, Cumberland und Kent die Heiratswut aus.

Edward von Kent verließ seine langjährige französische Geliebte und heiratete die verwitwete deutsche Fürstin Victoire von Leiningen (eine geborene Prinzessin von Sachsen-Coburg-Saalfeld), die Schwester des Ehemanns der verstorbenen Thronerbin Charlotte. Kurz nach der Hochzeit wurde Victoire schwanger, ebenso wie die frischgebackene Ehefrau des Herzogs William von Clarence (dem späteren König William IV.). Edward und Victoire wollten ihr gemeinsames Kind aus dynastischen Gründen unbedingt in England zur Welt bringen, daher unterzog sich Victoire hochschwanger der mühsamen Reise von Deutschland nach England. Alexandrina Victorias Geburt blieb allerdings von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, obwohl ihr Taufpate der russische Zar Alexander I. war. Nach ihren 3 noch lebenden Onkeln und ihrem Vater war Victoria die Nr. 5 in der britischen Thronfolge. Hätten ihre Onkel männliche Nachkommen gehabt, wären diese noch vor Victoria gereiht gewesen. Doch dem war nicht so.

Spätestens ab 1830 war klar, dass Victoria die künftige Königin sein würde, und sie wurde von diesem Moment an wie ein rohes Ei behandelt. Sie lebte mit ihrer Mutter im Kensington Palace und wurde von dieser weitgehend vor der Öffentlichkeit – und auch vor König William und Königin Adelaide – abgeschirmt. Victorias Mutter hatte eine enge Beziehung zum Stallmeister ihres verstorbenen Mannes, Sir John Conroy, der Victoria für seine eigenen Machtinteressen benutzen wollte, was ihm jedoch nicht gelang. Victorias Onkel Leopold, der 1931 König der Belgier geworden war, entsandte seinen Vertrauten Christian von Stockmar nach Großbritannien, der Victoria in den folgenden Monaten beratend und unterstützend zur Seite stehen sollte. Mit Stockmars Unterstützung gelang es ihr, die letzten Versuche der Einflussnahme John Conroys abzuwehren.

Bis zum Tag ihrer eigenen Thronbesteigung musste Victoria im Schlafzimmer ihrer Mutter übernachten, Treffen mit anderen Personen durften nur unter Aufsicht stattfinden. Es war ihr nicht einmal gestattet, eine Treppe ohne Begleitperson hinunterzugehen. Insgesamt hatte Victoria kaum Kontakt zu Gleichaltrigen.
Zeitlebens war Victoria der Überzeugung eine traumatische und unglückliche Kindheit erlebt zu haben.

König William IV. verstarb am 19. Juni 1837, knapp einen Monat nach Victorias 18. Geburtstag. Nun fiel die Königswürde offiziell auf die bereits volljährige Prinzessin, ohne dass ihre Mutter als Regentin einspringen musste (was der König befürchtet und Conroy erhofft hatte). Die Krönung fand ein Jahr später, am 28. Juni 1838, in der Westminster Abbey statt. Dabei wurde die junge Monarchin mit Begeisterung begrüßt und galt beim Volk als energisch, humorvoll und lebenslustig, allerdings auch starrköpfig.

Bei ihrer Krönung war Victoria 19 Jahre alt und unverheiratet, und das durfte sie selbstverständlich nicht bleiben, sollte die Dynastie gesichert sein. Daher arrangierte König Leopold die Heirat seiner Nichte mit ihrem Cousin Albert von Sachsen-Coburg-Saalfeld und Gotha, der gleichzeitig sein Neffe war. Am 10. Oktober 1839 traf Victoria erneut mit ihrem Cousin zusammen, den sie schon einige Jahre zuvor kennengelernt hatte. Diesmal war sie von ihm mehr beeindruckt, als beim ersten Zusammentreffen, und schon am 15. Oktober 1839 hielt sie, wie es das Protokoll vorsah, um seine Hand an. Obwohl Victoria sich vor einer Schwangerschaft fürchtete und noch kurz davor erklärt hätte, nicht so bald heiraten zu wollen, sehnte sie sich doch nach einem Mann, der sie in ihrer Rolle als Regentin unterstützen und ihr zur Seite stehen konnte. In Albert schien sie diesen Mann gefunden zu haben. Es gab aber auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Beide hatten eine unglückliche und lieblose Kindheit hinter sich, waren emotional verletzt, romantisch veranlagt und liebten die Musik. Die Hochzeit fand am 10. Februar 1840 statt.

Wie sieht das Horoskop dieser Frau aus, die eigentlich schon zu dem Zweck, womöglich einmal Königin zu werden, gezeugt wurde? Auffallend ist, dass sich in Victorias Radix sämtliche Planeten über dem Horizont befinden, 8 davon im 4. Quadranten und von diesen wiederum 5 im 12. Haus. Das ist schon recht ungewöhnlich. Eine Person mit 10 Planeten in der oberen, der südlichen Hemisphäre, wird prinzipiell gut wahrgenommen, wirkt aber nach aussen stärker, als sie sich wirklich innerlich fühlt. Sie braucht die Umwelt und andere Menschen, um sich selbst erfahren und verwirklichen zu können, aus sich selbst heraus kann sie wenig erreichen, denn es fehlt die Verankerung in sich selbst, es ist wenig Substanz vorhanden.

Vieles in ihrem Leben wird von scheinbaren “Zufällen” bestimmt sein, das heisst, ihr fallen viele Dinge zu, ohne dass sie selbst etwas dazu beigetragen hat – wie etwa die Regentschaft. Das gibt ihr das Gefühl der Schicksalshaftigkeit des Lebens. Das Leben ist vom Schicksal bestimmt, es gibt wenig Gestaltungsfreiheit. Es bedeutet aber auch den Auftrag, ihre Potenziale der Gesellschaft und sich selbst der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Victoria hat eine starke Zwillinge-Betonung. Sie ist nur 3 Stunden nach einem exakten Neumond im Zeichen Zwillinge geboren, und diese Sonne-Mond-Konjunktion steht knapp am Aszendenten, aber noch im 12. Haus. Auch Merkur, der Herrscher über den Neumond und den Aszendenten, steht im 12. Haus, allerdings im Zeichen Stier – und er ist unaspektiert. Ein Anzeichen dafür, dass Victoria sich oft isoliert und nirgends zugehörig fühlte? Immer wieder entzieht sie sich gerne, versteckt sich gar vor der Öffentlichkeit, fühlt sich auch verloren. Wenn in der Radix das 12. Haus betont ist, fühlt sich die Betroffene gewissen Gesetzmäßigkeiten enthoben, kann sich vieles erlauben, ohne ihre Absicht klar kundzutun. Sie ist schwer zu durchschauen, kann gut tarnen und täuschen und sich entziehen, dabei sollte sie sich aber selbstlos zur Verfügung stellen.

Mit der Zwillinge-Betonung sollte Victoria eigentlich kommunikativ, beweglich, neugierig, lebendig, vielseitig interessiert, unruhig, kontaktfreudig, anpassungsfähig, redegewandt sein, eine rasche Auffassungsgabe und eine hoch entwickelte Lernfähigkeit haben. Soviel wir wissen, war Victoria aber nur mäßig gebildet und nicht überaus lernbereit. Ihre geschichtlichen Kenntnisse waren zeitlebens äußerst lückenhaft, sodass sie als Herrscherin auf ihre Berater angewiesen war. Im engsten Familienkreis galt sie jedoch als lebhaft, gesprächig und vergnügt. Sie hasste Nichtstun und füllte selbst ihre Freizeit mit vielerlei Tätigkeiten aus – typisch für einen Mensch mit Zwillinge-Aszendent. Interessant ist auch, dass Königin Victoria seit ihrer frühesten Jugend ein Tagebuch führte, das sie allerdings, bevor sie Königin wurde, vor ihrer Mutter verstecken musste, und das Briefeschreiben wurde später ihre wichtigste private Beschäftigung. Von den unzähligen Tagebüchern wurden jedoch die meisten nach ihrem Tod von ihrer jüngsten Tochter Beatrice vernichtet.

Victoria, in Familienkreisen anfänglich „Drina“ genannt, galt als willensstarkes, robustes Kind, das gelegentlich in Tobsuchtsanfälle ausbrach. Uranus in Schütze im Trigon zum starken Mars in Widder steht für eine Neigung zu Wutanfällen und Jähzorn, die vor allem dann zum Tragen kommt, wenn Mars seinen Durchsetzungsdrang und seine Aggressivität nicht auf gesunde Art zum Ausdruck bringen kann (etwa durch sportliche Aktivitäten oder künstlerische Tätigkeiten). Victorias Mars ist durch die Stellung im 12. Haus geschwächt, was ihrer Willensstärke keinen Abbruch tut, sich aber oft unangemessen äussert. Andererseits ist dieser starke Mars sicher für ihre zuweilen an Taktlosigkeit grenzende Aufrichtigkeit verantwortlich.

Die Rolle der Mutter ist eine doppelte: die Mutter wird dem Herrscher des 4. Hauses zugeordnet. Das ist die Sonne, die sich im 12. Haus in Konjunktion mit dem Mond befindet, der wiederum für die Mutter steht: nach dem frühen Tod von Victorias Vater übernahm ihre Mutter die Funktion von beiden Eltern, war aber trotz physischer Präsenz keine sehr gefühlvolle Bezugsperson für ihre Tochter, worunter Victoria litt.

Die Eheschliessung mit ihrem Cousin Albert war, obwohl arrangiert, eine Liebesheirat. Doch trotz aller Liebe trennte Victoria streng zwischen Privatleben und Herrscheramt und hielt ihren Ehemann im ersten Ehejahr von den Regierungsgeschäften fern, was diesem gar nicht behagte. Victoria befand sich in einem Zwiespalt: einerseits fühlte sie sich als Königin in der „vom Schicksal“ vorgesehenen Rolle, die sie nach anfänglichen Rückschlägen im Lauf der Jahre doch sehr erfolgreich ausübte (Sonne Konjunktion Mond im Trigon zum MC), andererseits empfand sie als Frau des 19. Jahrhunderts die Politik und das Regieren als „männliche Beschäftigung, was eine gute Frau nicht lieben konnte.“ (Jane Ridley: Victoria – Queen, Matriarch, Empress, Penguin Monarchs, London 2015). Gleichermaßen konservativ und verständnislos stand sie auch der Frauenbewegung gegenüber, die sich während ihrer Regentschaft formierte. Ihre eigene Stellung als Königin sah sie als „Anomalie“ (Herbert Tingsten: Königin Viktoria und ihre Zeit. Diederichs, München 1997).

Doch nach der Geburt der Tochter Victoria (genannt Vicky) am 21. November 1840, und noch mehr nach der Geburt des Kronprinzen Edward am 9. November 1841 wurde Albert mehr und mehr in die politischen Aktivitäten eingebunden und zum wichtigsten Berater der Königin.

Der erdbetonte Albert (Sonne, Merkur und Aszendent im Zeichen Jungfrau) schaffte es nach kurzer Zeit, seiner Frau praktische Dinge abzunehmen und sie in Regierungsangelegenheiten zu beraten. Er hatte Zugang zu allen Dokumenten, die der Königin vorgelegt wurden, formulierte zahlreiche ihrer offiziellen Briefe und beeinflusste ihre Entscheidungen. Mit der Zeit wurde er ihr engster Mitarbeiter und wertvollster Berater, der zwar offiziell keine Rolle innehatte, jedoch in Wahrheit Hand in Hand mit der Königin zusammenarbeitete. Jupiter als Herrscher des 7. Hauses, steht erhöht in Wassermann und im 10. Haus und zeigt die Bedeutung, die der Ehemann für Victoria hatte. Sie hob ihn empor, und er übernahm als graue Eminenz (Mars in 12 Sextil Jupiter) wesentliche Aktivitäten, wie beispielsweise die Planung und Organisation der ersten Weltausstellung in London.

Königin Victoria, die ihre ersten fünf Kinder in 6 Jahren zur Welt brachte und innerhalb von 17 Jahren 9-fache Mutter wurde, empfand jede ihrer Schwangerschaften als Qual und Zumutung. Mit Neugeborenen konnte sie nichts anfangen. In ihrer Radix finden wir keinen einzigen persönlichen Planeten (sondern lediglich Saturn und Pluto) in einem Wasserzeichen, und auch die weiblichen Planeten stehen nicht herausragend: Venus in Widder, Mond in Zwillinge. So ist es kein Wunder, dass sie die Fortpflanzung mehr aus dynastischen Gründen in Kauf nahm, als sich daran zu erfreuen. Prinz Albert dagegen war ein begeisterter Vater, der sich viel mit seinen Kindern beschäftigte, mit ihnen spielte und sie unterrichtete. Der Ehrgeiz beider Elternteile war es, ihre Kinder nicht nur zu moralisch gefestigten Persönlichkeiten heranwachsen zu lassen, sondern sie auch auf ihre zukünftigen Aufgaben tadellos vorzubereiten.

Insgesamt galt die beinahe einundzwanzigjährige Verbindung zwischen Victoria und Albert als sehr glücklich. Es scheint fast, dass die Zuneigung zu ihrem Mann Victorias gesamte Liebesfähigkeit beanspruchte, sodass für die 9 Kinder kaum noch etwas übrig blieb. Der frühe Tod ihres Mannes 1861 stürzte die Monarchin in eine tiefe Krise. Victoria trauerte lange und ausgiebig und verordnete der ganzen Nation Ernsthaftigkeit und Lustlosigkeit. Nur noch in schwarz gekleidet, vernachlässigte sie lange Zeit ihre königlichen Pflichten und drohte, als “Witwe von Windsor” in die Geschichtsbücher einzugehen. Das „viktorianische Zeitalter“ gilt als freudlose, prüde, einer strengen Etikette verpflichtete Epoche. Dann aber besann sich Victoria und wurde im Alter zur volksnahen Königin.

Am Ende ihrer fast 64 Regierungsjahre erreicht sie phantastische Beliebtheitswerte, die sich nur mit denen von Elisabeth II. messen lassen. Ihr Wunsch, das neue Jahrhundert noch zu erleben, wird ihr erfüllt: Sie stirbt Anfang 1901 in Osborne House auf der Isle of Wight. Ihr Name bleibt im kollektiven Gedächtnis als Synonym für das Viktorianische Zeitalter, die “Good Old Times” der britischen Weltgeltung im 19. Jahrhundert, haften.

Posted in Historische Horoskope.

Leave a Reply